Grenzgängerin sein

Während ich dies schreibe pocht ein heftiger Schmerz in meinem Kopf und ich habe ein Schlafmittel genommen, das mich ruhig und entspannt werden lässt.

Einmal wieder bin ich nur mit unglaublicher Anstrengung an einer Psychose vorbei geschrammt und kann jetzt sagen: Ich bin über den Berg.

Vorgestern gab es einen Moment, in dem ich buchstäblich nichts mehr für meine Besserung tun konnte. Ich war so ausgepowert vom Kampf, mich nicht in den Sog der Krankheit ziehen zu lassen, das ich sogar Markis neben mir völlig aus den Augen verlor. Bis er zu mir kam, meine Hand ableckte und mich fragend beschnupperte.

Ich sprach mit einer Vertrauten. Das half und gab mir die Willigkeit, weiter für mich zu sorgen.

Dann legte ich mich auf mein Tagesbett im Wohnzimmer und schaute den Wolken nach. Es war das Gefühl, sterben zu müssen vor innerem Schmerz und dem Gefühl des Getrennt seins von der Welt um mich herum. Drei Stunden später hatte ich mich soweit, das ich mich wieder als Teil eines großen Ganzen und in Verbindung mit den anderen Menschen sehen und spüren konnte. Allein das in den Himmel schauen, mich mit den Wolken zu befreunden und nicht mehr kämpfen hatte mir geholfen.

Ich spürte meinen Körper wieder, merkte das ich Hunger hatte und kochte mir eine große Portion Abendessen. Dann schlief ich ein wenig. Nach einigen durchwachten Nächten, in denen ich nur in und wieder etwas eingedämmert war, hatte ich das Gefühl, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Letzte Nacht fiel ich in ein 12 Stunden Koma und heute bin ich sicher, das die Gefahr endgültig gebannt ist.

Die Freunde, die mich gut kennen, wissen um meine unbändige Lebensfreude und kennen die Intensität meiner Hoch-Zeiten. Ich gehe mit meiner Euphorie und Freude bis zu einem Punkt den viele nicht kennen.

Zugleich habe ich Zustände kennengelernt, die sich nur als höllisch beschreiben lassen. Früher hat mich die Todessehnsucht in solchen Momenten in den Wahnsinn getrieben. Heute kann ich einverstanden sein damit, das dies mein Leben ist. Ein Leben, das manchmal an Glückseligkeit, manchmal an tiefe Abgründe stößt.

Ich lasse zu, das ich, statt in Wahnwelten einzutauchen, den unerklärlichen Schmerz ganz real spüre und in meinem Körper anwesend bleiben kann.

Das ist hart. Und es Bedarf der bewussten Entscheidung, sich für die Realität und gegen die Vermeidung des inneren Leidens durch Flucht in ein Paralleluniversum zu entscheiden.

Die Kopfschmerzen lassen etwas nach, meine Nackenmuskulatur entspannt sich, ich bin ruhig und freue mich auf den Tag morgen. Alles ist gut.

Dankbar bin ich für all die kleinen Gesten der Zuneigung, die ich in den letzten Tagen empfangen durfte. Von liebevollen Kurznachrichten bis zur Einladung zum nordischen Dinner auf dem Schiff. Ich bin nicht isoliert, ich bin Teil eines freundlichen Netzwerks aus mir nahen Menschen.

Ich denke, ich schlafe heute mit einem kleinen Lächeln ein.

 

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5 Gedanken zu “Grenzgängerin sein

  1. Mit einem Lächeln einschlafen ist immer eine gute Idee, liebe Puja! Ich bin tief betroffen von Deinen Zeilen. Schon erschreckend, welche Kämpfe und Qualen die Krankheit mit sich bringt. Ich freue mich auf Dein Buch und hoffe, dass es vielen Menschen näher bringt, was das Leben mit einer psychischen Erkrankung bedeutet. Ich schick Dir einen virtuellen Kuss und danke Dir aufrichtig für diese Zeilen. Ich freue mich mit Dir, dass Du den Kampf gewonnen hast und die Dämonen (vorerst) mal wieder gebannt sind.

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