Der Wein und ich

Seit etwa einem Jahr trinke ich abends regelmäßig Wein. Irgendwann im Winter habe ich mal eine Weile mit der Gewohnheit aufgehört um zu kucken ob das problemlos geht. Es ging.

Jetzt hatte ich mit einer guten Freundin begonnen mal Buch zu führen wieviel und wie oft ich trinke. Im Bullet Journal steht nichts Besorgnis erregendes: ich habe im Schnitt 2.5 Gläser Wein getrunken, jeden Abend.

Am Dienstag wurde mir meine Geldbörse geklaut. Ich war frustriert und traurig. Und ich öffnete um 16:00 eine Flasche Weißwein, die ich um 18:00 fast komplett ausgetrunken hatte. Die Tageszeit und die Menge Alkohol kamen mir komisch vor. Kurzerhand radelte ich zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker um mich mal beraten zu lassen.

Ich schilderte meine Besorgnis und hörte den Anderen gut zu. Dann fasste ich den Entschluss aufzuhören. Einfach mal eine Pause, sagte ich mir. Mal sehen was passiert.

Der erste Tag danach verlief völlig normal. Ich machte das was ich sonst auch tue und war froh, das ich mir keine Gedanken mehr machen musste. Nur: ich dachte trotzdem die ganze Zeit an das Thema.

Ich hatte die Leute getroffen, deren problematisches Trinkverhalten sie alles gekostet hatte was sie liebten. Ich hörte Geschichten von gescheiterten Ehen, Entzugskliniken und dem stetigen Scheitern bei dem Versuch, nicht mehr sein Feierabendbierchen zu trinken.

Natürlich sah ich auch die Unterschiede. Ich versteckte nicht meine Flaschen, ich trank ganz offen. Auch hatte mich nie jemand auf mein Trinkverhalten angesprochen oder mir zurückgemeldet ich wäre beim Trinken zu weit gegangen.

Ich hatte nie bis zur absoluten Betrunkenheit getrunken, ich kannte keine Black Outs oder Filmrisse. Meine Familie trinkt nicht.

Trotzdem. Gestern kochte ich mir Nudeln und hatte plötzlich unheimlich Lust auf ein Glas Wein dazu. Ich aß, trank Cola, die Sehnsucht blieb. Mir wurde mit einem großen Schock klar, dass ich Entzugserscheinungen zeigte. Psychisch zwar, aber ohne Zweifel Entzugssymptome. Ich rief eine Bekannte an von der ich wusste das sie nicht mehr trinkt.

Sie riet mir, wieder in eine AA Gruppe zu fahren. Lust hatte ich keine. Das Wochenende sollte ein Schreibsprint werden. Nachdem meine neue Lektorin mein Manuskript mit mir durchgegangen war hatte ich viele neue Ideen, wie ich mein Buch besser machen könnte.

Blöderweise konnte ich mich aber kaum konzentrieren. Ich fuhr zum Treffen und wurde wieder mit viel Liebe empfangen. Inzwischen war ich total gereizt und schüttete nervös den Kaffee auf den Tisch. Alle machten mir Mut, bei meiner Entscheidung zu bleiben. Gestärkt und weniger fahrig machte ich mich auf den Heimweg.

Heute wachte ich schon mit dem Gedanken ans Trinken auf. Ich trinke nie morgens, aber die Tatsache dass ich mich entschieden hatte, kein kühles Glas mehr in der Sonne zu trinken, die Vorstellung, nie wieder rauschende Feste feiern zu können machte mich fertig.

Ich verfluchte mich dafür, nicht vorsichtiger gewesen zu sein. Jetzt war der Spass endgültig vorbei. Und was das Schlimmste war, ich konnte nicht wie viele auf eine lange Leidensperiode zurückschauen. Ich stellte mir vor wie viel leichter es wäre wenn ich auch nur einmal unter Alkoholeinfluss in Schwierigkeiten gekommen wäre. Dann, so sagte ich mir, wäre der Verzicht logisch und berechtigt. Dann würde ich nicht trinken um das Schlimmste zu verhindern. Den Abstieg ins Elend.

Ich quälte mich zum Meeting und verfluchte innerlich die Tatsache dass ich hier ein großes Drama schuf, anstatt mich einfach gemütlich in den Garten zu setzen und später eine schöne Flasche Wein aufzumachen. Ich kann ja kontrolliert wenig trinken, dachte ich. So oft stelle ich eine angebrochene Weinflasche zurück in den Kühlschrank. Vielleicht waren die AAs zwar super hilfsbereit aber halt eben ein bisschen extrem.

Gottseidank hatte ich mein Wochenbudget schon für nicht alkoholische Getränke ausgegeben und meine letzte Flasche Alkohol verschenkt.

Ob dieses Thema ein Blogthema ist fragte ich mich dann. Habe ich mich nicht schon genug damit zur Schau gestellt das ich mit Schizophrenie lebe? Sobald du über Problemtrinken schreibst wird dich jeder sofort zusätzlich in die Suchtecke stellen und dir bezüglich deines Konsums kein Wort mehr glauben.

Ich schrieb einen Post, der nicht richtig gespeichert wurde und verloren ging. Erleichtert machte ich eine Hunderunde.

Jetzt sitze ich auf dem Sofa und fühle mich unendlich erleichtert alles aufgeschrieben zu haben. Meine Blogidentität basiert auf Authentizität. Ich werde dieses Thema nicht aussparen.

Seit einer Stunde bin ich exakt 4 Tage sober. Es wird mir besser gehen. Ich werde dazu lernen.

Alles was ich jetzt weiß ist, dass ich mir heute morgen versprochen habe ohne das Gläschen Wein auszukommen. Und das ich das Versprechen gehalten habe. Wie die AAs sagen: Nur für heute.

 

 

Advertisements

14 Gedanken zu “Der Wein und ich

  1. Und wie du feststellen konntest, begrüßen die AA einen mit Liebe und Freude, mit oft Lachen und einem manchmal Tranchen in den Augen, weil sie an sich erinnert werden. Man muss nicht ganz unten landen, um seinen eigenen Tiefpunkt zu haben und aufzuhören. Meine Mutter hatte 22 Jahre nichts mehr getrunken und ist trocken bis zu ihrem Tod voller Lebenslust und Witz und Liebe gewesen.

    Gefällt 1 Person

  2. Du kannst ganz wunderbar feiern, ohne zu trinken..und am nächsten Tag dich wundern, was für einen Sch..andere erzählt haben…und du hast keinen dicken Schädel, stehst auf, fühlst dich gut. Ich kann mich wunderbar amüsieren mit meiner Apfelschorle und meiner Gewissheit, ich kann jederzeit abhauen, wenn es – die Trinkerei und „Lustigkeit“ der anderen, das wichtige Reden, das Politisieren- zu viel wird für mich. Wunderbarer Weise fragt heutzutage fast keiner mehr penetrant nach, wenn ich nichts trinke. Früher habe ich gesagt, ich hätte eine Alkoholallergie. “ Oh, du Ärmste“…nö, lachen und leben kann ich ohne! Du machst das gut, meine Liebe!

    Gefällt 1 Person

  3. Beim Allein-Trinken kenne ich diese Sorge auch gut. Und auf Partys trinke ich echt viel (you know…). Was ich schwierig finde ist, dass es immer viel viel witziger ist, wenn alle trinken. Ich habe manches Mal nicht getrunken, während die anderen tranken (weil ich noch verkatert war) und es ist tatsächlich so: Die Leute werden (bis zu einem gewissen Grad nur natürlich) echt unterhaltsamer mit Alkohol. Mein Gedanke gerade: Irgendwie braucht man einen Ersatz für Alkohol, um ähnlich lustige Abende zu erleben. In Schottland z. B. gab es in der Community keinen Alkohol, dafür aber barn dances. Selten habe ich soviel gelacht, wie an diesen Samstagabenden. Die meisten Leute, die ich kenne, die nur wenig trinken,verabreden sich selten in einer Kneipe, sondern meistens zu einer Aktivität. Billard, Bowlen, Musik… Ich bin meist zu faul für sowas, aber das sollte ich mal im Kopf behalten. Spaß haben und am nächsten Tag keinen Kater.. das wär schon was 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Puja, Du bist ein Schatz, denn ich fühle mich ertappt. Auch ich trinke viel, viel, viel zu gerne mal abends ein Glas Wein oder einen Campari Orange. Danke, dass Du hier so offen und ehrlich schreibst. Mir ist gestern schon aufgefallen, dass ich bei der Party meine Gläser (!) deutlich schneller leerte, als die anderen. Ich werde heute Abend den Rotwein mal weglassen – und versuchen, die Reißlinie zu ziehen, bevor der ganze Genuss dahin geht.

    Gefällt mir

      1. Das weiß ich. Es gibt Tage, da kann ich Deinem „Yeeper“ nachvollziehen. Beim Tatort zum Beispiel gehört das Glas Rotwein für mich dazu. Oder an Tagen, die sehr anstrengend waren, vor allem. wenn die Kids meine Nerven so richtig blank gefegt habben.Ich hatte vor einiger Zeit schon mal angefangen, mir dann statt des Roteweins ein Orthomol Nemuri zu gönnen – Pülverchen mit Vitaminen. Und es ging mir super damit. In den letzten Wochen hat sich der Alkohol aber wieder eingeschlichen. Aber ich weiß: Ich kann zum Beispiel auch ein alkoholfreies Bier trinken, und vermisse dann nichts. Gottseidank. Aber das soll auch so bleiben.

        Gefällt mir

  5. Knightowl

    Auf seinem Blog sollte man schreiben was einen beschäftigt. Wenn du dich damit wohlfühlst, oder sogar besser fühlst, wenn du darüber redest, dann solltest du es auch tun. 🙂 Btw. Ich kenne das Problem mit dem Alkohol und dem Vermissen nur allzu gut, weshalb ich dir sagen möchte, dass ich es sehr mutig und reflektiert von dir finde, dass du dich hast beraten lassen.

    Gefällt 1 Person

  6. Europa besteht aus einer Bande süchtiger Jungs und Mädels, die legal unter dem Deckmäntelchen der Kultur ein schnell abhängig machendes Nervengift herstellen und mit weitreichenden Folgen vertreiben und konsumieren.
    Einmal befreit, wirst du merken, was für eine Erleichterung das bedeutet und wie klar und scharf und gut erinnerlich das Leben wieder wird.
    Ich bereue meinen Entschluss keinen einzigen Tag.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s