Einfach mal die Klappe halten!

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Sonnenuntergang in Lübeck. Probe mit dem Gospelchor, dem ich letzte Woche beigetreten bin. Es wird über das letzte Konzert gesprochen und ich spüre einen kleinen Konflikt zwischen zwei Personen. Und schon passiert es:

Ich melde mich und versuche den Konflikt heiter und konstruktiv zu schlichten. Zwar habe ich ein schlechtes Gefühl dabei, mich so kurz nach meinem Beitritt zu engagieren, aber es geht mit mir durch. Und sind wir mal ehrlich: So was kann ich.

Das erinnert mich an einen kurzen Aufenthalt auf einer Krisen- Interventionsstation vor Jahren. Der Grund meines Aufenthaltes im Krankenhaus war Burnout, meine momentane Unfähigkeit, die Arbeit als Sozialarbeiterin auszuführen.

Was tat ich zwischen den Therapien? Ich beriet junge MitpatientInnen, die nach Lösungswegen für ihre Situation suchten. Ging es mir gut damit? zunächst ja. Ich konnte die langen einsamen Stunden füllen und tat etwas Sinnvolles. Erst danach wurde mir klar, das genau dieses Verhalten zu meinem Burnout geführt hatte.

Zurück nach Lübeck: Wie wäre es, wenn ich lernen könnte, das unangenehme Gefühl auszuhalten, dass es da einen Konflikt gibt, mit dem ich nichts zu tun habe. Wie würde es sich anfühlen, das Gefühl des Neuseins in einer Gruppe ruhig auszuhalten und nicht gleich durch meine starke, laute Präsenz zu ersticken.

Könnte ich einfach entspannt da sitzen und mich weniger wichtig nehmen?

Im Moment gelingt mir das noch nicht immer. Aber zumindest dämmert es mir schnell, das ich für die Gruppendynamik in diesem Kreis nicht verantwortlich bin. Meine Rolle ist nicht die der systematischen Beraterin oder Sozialarbeiterin, noch nicht einmal die der Chorleiterin. Alles was für mich auf dem Programm steht ist freundlich anwesend zu sein und die Lieder zu lernen.

Wie viel besser wäre es, damals und heute, ich würde einfach ruhig bei mir bleiben. Die Verantwortung da lassen wo sie hin gehört. Zulassen, das ich  nichts tun kann und muss.

Gott sei Dank sind die Menschen im Norden freundliche, stoische Zeitgenossen. Keiner hat mir mein Eigentor übelgenommen und der Abend endete bei einem kühlen Bier in netter Runde.

Für die nächste Chorsaison ab September nehme ich mir aber vor: Liebe Puja. Einfach mal die Klappe halten!

 

 

 

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15 Gedanken zu “Einfach mal die Klappe halten!

  1. Grundsätzlich finde ich es ja besser, es macht mal jemand den Mund auf und sagt was, statt immer nur dieses Wegsehen, Weggucken, Wegducken und Ignorieren.
    Es liegt Dir halt und das ist auch gut so. Solange Du nicht auch noch Deine ganze Energie in die Lösung steckst…
    Sagt die frisch gewählte Personalratsvorsitzende, die AUCH NIE NICHTS SAGEN KANN 😁

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  2. Andrea Waffenschmidt

    Du schreibst das wieder so gut. 🙂 Auch ich finde mich grade in deinem Beitrag wieder. Ich kann mich auch nie bremsen, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas falsch läuft. Und mehr als einmal wurde ich schon darauf hingewiesen, mich raus zu halten. Aber irgendwie will das bei mir nicht funktionieren. 😀

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    1. Und ich freu mich, dass du dich zu Wort meldest! Vielen Dank fürs mitlesen. Ich schreibe zwar in erster Linie für mich, aber es gibt mir viel, dass ihr Leser darauf reagiert. LG zurück! 😉

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  3. marmite72

    Mussnurnochkurzdieweltrettenimpulse durch Mussnurnochkurzmeinenervenrettenhandlungen ersetzen. Sollte man an den Stellen machen, wenn das Ergebnis nicht wirklich wichtig ist. Aber wenn es wichtig ist und man sich mies fühlen würde, wenn man nichts sagen sollte, dann ruhig einmischen. Wir sind wer wir sind, liebste Pu! Und in diesem Leben sind wir nun mal nicht die, die sich aus allem raushalten und die sich für andere einsetzen. Wir müssen nur dazu lernen uns auch um uns zu kümmern. Dicker Kuss

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  4. Oh mann, das kenne ich so gut! Dieses sich immer un überall einbringen Müssen. Schrecklich! Und so oft habe ich mir auch schon vorgenommen, einfach mal nix beizutragen und eine von denen zu sein, die ALLE nett finden können, weil sie auch mal ihre Meinung für sich behalten können.
    Was ganz anderes: Ich ziehe nächsten Monat nach Göttingen und hier habe ich doch dich, die auch so einen krassen move gemacht hat. Ein paar Tipps fürs Kleinstadtleben? Ist es wirklich netter und entspannter als in Berlin? Ich kann es mir einfach nicht vorstellen und panike gerade ziemlich… LG!

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    1. Liebe Mathilda, ich kann dich beruhigen. Es ist wirklich viel entspannter und auch ein Leben mit weniger Tempo in einer kleineren Stadt. Mach nur nicht wie ich den Fehler, deine neue Heimat als Kleinstadt zu benennen. Das mögen Kleinstädter nicht so 😉
      Der Wechsel von Berlin nach Westen ist ein großer Schritt. Aber ich kann sagen, dass ich schon nach 3 Monaten das Gefühl habe, nun hier zuhause zu sein. Keine Panik! Und einen guten Umzug! 😉

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  5. LadyAngeli

    Ich lese schon seit einiger Zeit hier still mit und bewundere Deinen Mut, Dein Leben so zu leben, wie Du es jetzt tust. Ein wenig beneide ich Dich auch. Und bei diesem Beitrag dachte ich nur so im Stillen, dass ich das auch lernen müsste: einfach mal die Klappe halten! Und lernen, dass ich nicht für alles verantwortlich bin. Lass Dir mal gesagt sein: Du bist toll!

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    1. Liebe Lady Angeli, danke für dein Kompliment. Ich freu mich total, dass du mitliest. Und, vielleicht ist es auch ein wenig eine Frauensache.. das mit der Verantwortung… Ganz herzliche Grüße, Puja

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