Wer bin ich, wenn ich nichts leiste?

Vorletzte Woche habe ich mich oft mit Schuldgefühlen herumgeschlagen. Ich fand, ich müsse etwas für die Allgemeinheit tun, meine Existenz irgendwie mit einer Sinnhaftigkeit versehen.

Die Tage waren ganz entgegen dieser Sehnsucht geprägt vom dem Bedürfnis nach Rückzug, nach im Bett liegen und lesen, nach kuscheln mit dem Hund. Ich war in der Lage, die nötigsten Dinge zu erledigen, aber ich hatte keine Freude an größeren Aktivitäten.

Ich begann an mir zu zweifeln. Wer war ich, wenn ich nicht irgendetwas dazu beitrug, dass meine kleine Ecke der Welt besser wurde. Als ehemalige Sozialarbeiterin vermisste ich den Kick, zu helfen, für andere da zu sein.

Ich schlief viel, sorgte gut für mich und den Hund. Aber ich war nicht produktiv in der Form wie ich es gewohnt war. Auch mein Buchprojekt liess ich liegen.

Irgendwann rief ich meine Lieblingsberaterin in Berlin an, die mich im letzten Jahr sehr unterstützt hatte. Obwohl sie nicht meine Psychologin ist, hatte sie mir angeboten, mich aus Lübeck zu melden falls ich etwas zu sortieren hätte.

Sie bestärkte mich darin, mutig auszuhalten, dass ich gerade nur für mich und den Hund sorgte. Ich habe eine Pause verdient, meinte sie.

Auch eine gute Freundin riet mir dazu, einfach abzuwarten was passieren würde. Wenn ich nicht depressiv sei, sagte sie, würde ich ganz von selbst wieder motiviert sein, etwas zu tun. Im Augenblick war mir nur nach Ruhe, einkuscheln im Bett und den nötigsten Erledigungen. Sie schlug vor, zu sehen, wie lange diese Phase anhalten würde. Keine Bewertung, Keine Schuldgefühle.

Nach 4 Tagen bemerkte ich, wie ich energetischer wurde und meine Stimmung sich ohne mein zutun verbesserte.

Ich leiste nichts bemerkenswertes mehr. Die Zeiten wo ich mich durch meine Arbeit definieren konnte sind vorbei. Ich bin für die Gesellschaft nicht mehr sichtbar als jemand der etwas beiträgt. Ich habe keinerlei Status mehr. Und trotzdem: Jetzt spüre ich wieder eine innere Ruhe und das Gefühl, dass es so gut ist.

Gerade habe ich einen Podcast von Esme Wang gehört, einer schizophrenen USAutorin, die Eliteuniversitäten besucht und ein erstes Buch veröffentlicht hat. Auch sie kann nicht auf die Weise arbeiten wie ihre gesunden KollegInnen. Aber sie bringt etwas in die Welt dadurch, dass sie ihre Geschichte des Zerbrochen Seins erzählt und mich dazu inspiriert, mit meiner Krankheit gut umzugehen. Schwer krank im Bett liegend strahlt sie eine Liebe für das Leben aus und die Hoffnung auf gute, heile Stunden, immer wieder einmal.

Meine Krankheit verläuft in viel ruhigeren Bahnen. Ich muss nicht viel medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. An den meisten Tagen kann ich wie eine Gesunde leben. Und wenn es dann einmal Phasen gibt, in denen ich mich in Embryonalstellung im Bett verkrieche und nur die nötigsten Dinge erledige, dann will ich lernen das zu akzeptieren und mich nicht noch mit Selbstvorwürfen zu quälen.

Letztes Wochenende habe ich wieder mit Fremden und Freunden gefeiert. Ich war laut, habe viel gelacht, habe herzergreifende Geschichten gehört und auch Privates von mir preisgegeben. Ich fühlte mich wieder mit anderen Menschen verbunden. Es war wieder leicht, ich selbst zu sein.

Und sicher werde ich auch wieder die Möglichkeit finden, für andere da zu sein. Nur, das ist jetzt nicht mehr meine Hauptaufgabe. Nicht um den Preis des täglichen „sich selbst quälens“.

Eine revolutionäre Idee für mich: Ich darf einfach glücklich sein. Ich darf es mir gut gehen lassen. Und von dieser Basis aus kann ich sicher bald wieder kreativ und tätig werden. Der Wunsch danach, ein ganz persönliches Erbe zu hinterlassen ist weiterhin da.

 

 

 

 

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7 Gedanken zu “Wer bin ich, wenn ich nichts leiste?

  1. Liebe Pu, so unter uns… wenn ich mich morgens durch den Stau quäle und dann im Büro in die gleichen Gesichter blicke wie die letzten 22 Jahre… in diesen Momenten wäre ich froh, wenn ich keine Verpflichtungen hätte. Und dann bin ich ein klitzekleines bisschen neidisch auf Dich. Du bist so zuversichtlich, genügsam und bescheiden, zufrieden mit allem, wie es ist und begehrst weder Reichtümer noch Besitz. Und jetzt frage ich mich, ob es wichtig ist, der Gesellschaft was zu geben und ob die eigene Existenz irgendwie sinnvoller wird, wenn man eine Aufgabe erfüllt.
    Eigentlich freue ich mich schon auf die Zeit, wo ich weder ein Kind zu versorgen habe noch täglich zur Arbeit muss. Das nennt sich dann Rente. Dann ist mein produktiver Teil erledigt und ich überlasse es den Jüngeren, den Job zu verrichten.
    Sieh es doch so, dass sich bei Dir das Verhältnis von Arbeit und Rente verschoben hat. Du hast zwar den Nachteil, dass die Rentenzahlung nicht gerade üppig ausfällt, aber auch den grandiosen Vorteil, dass Dir mehr Lebenszeit zur Verfügung steht. Wie oft höre ich von Kollegen und Freunden: ach, hätte ich mehr Zeit, dann würde ich mir einen Hund zulegen… morgens länger schlafen… ein Buch schreiben… Die Gute Nachricht ist, dass Du jetzt schon lebst, wovon ganz viele träumen. Es ist vielleicht jetzt gerade nicht DEIN Traum, aber vielleicht fällt ein kleines bisschen der Glanz eines fremden Traumes auf Dich und wärmt ein bisschen das Selbstwertgefühl. Du bist nicht gefangen in der Spießigkeit anderer Leben.
    Klingt jetzt doch irgendwie schräg, aber vor ne Minute fand ich es noch ganz plausibel 😉

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  2. liebste Puja,

    ist es nicht seltsam, wie wir alle Zuschreibenden brauchen und das Gefühl etwas „besonderes“ zu sein oder zu leisten? Und es sind nur Konzepte, Worte – die ein Gefühl der Leere versuchen zu beschreiben – das da ist, wenn wir es eben nicht mit Tun, Konzepte, Worte, Leistung voll kriegen.

    Du kannst z.B. dich trösten und sagen „ich bin eine tolle Freundin“: wenn ich dich sehe, tut es mir immer so gut – dein Lachen! Unwichtige Dinge, die mir plagten, werden wieder unwichtig, du hilfst mir, sie in Perspektive zu setzen. Einfach indem du da bist: Es ist eine Frage der Proportion – neben dir sind andere Dinge nu mal klein!

    Und- stell dir vor- du bist bei mir auch wenn du gerade nicht da bist: Ich sehe dich hier in Gedanken! Also, du brauchst nur zu existieren, und alles ist gut.

    Hoffentlich bis bald! Falls ein Billigflug von Hamburg-Lubeck nach Venedig gibt’s, könnte ich dich einladen, in Mai? Oder wann du willst,

    bis bald!

    Ludovica Scarpa

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