Nachts vor dem Lageso

Letzte Woche habe ich meinen ersten Nachtdienst bei den Kältebussen am Lageso gemacht.

23:00 Uhr Nachts, es regnet. Drei geheizte Busse stehen für die wartenden Flüchtlinge zum Aufwärmen bereit. Vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin sitzen die Männer bereits in der Warteschlange. Sie wechseln sich ab, so dass sie immer wieder einen heissen Tee trinken, essen und sich im Bus aufwärmen können.

Ich spreche immer wieder Personen an und erkläre ihnen, wofür die Busse hier stehen. Die Einladung zum Aufwärmen wird aber auch oft ausgeschlagen. Zu groß ist der Druck, nicht den Platz in der Schlange sichern zu können. Ausserdem ist das Essen und Rauchen in den Fahrzeugen verboten. So essen die Flüchtlinge ihre Schale Reis im Stehen und im Regen.

Die Männer kommen u.a. aus Irak, Syrien, Afghanistan und Rumänien. Ein junger Mann aus Eritrea stellt sich zu mir und hilft beim Übersetzen ins Arabische.

Die Helfer sind soweit ich es überblicken kann weitgehend Ehrenamtliche. Nur die Polizei die mit mehreren Fahrzeugen vertreten ist, macht regulären Dienst.

Zweimal bringen Helfer Essen und heissen Tee für alle.

Ich stehe von 22:00 bis 2:00 Uhr dick eingepackt vor den Bussen und spreche mit Helfern und Flüchtlingen.

Gegen Mitternacht kommt Herbert Grönemeyer vorbei. Nur eine kleine Handkamera folgt ihm. Er ist offenbar nicht darauf aus, in die Schlagzeilen zu kommen. Er fällt auch nicht weiter auf – nur ein weiterer Mann in dem Gedränge der Helfer und Geflüchteten. Nach einer Weile sehe ich, wie er eine Gruppe von Familien mit sich nimmt und das Gelände verlässt. Vielleicht bietet er ihnen eine Unterkunft.

Die letzte S-Bahn habe ich verpasst und fahre, völlig durchnässt mit dem Taxi nach Hause. Die Erkältung bleibt nur aus, weil ich in meine Thermoskanne Tee mit einem Schuss Rum gefüllt habe…

Noch am nächsten Morgen ist die Stimmung der Nacht in mir präsent. Ich sehe einerseits die Motivation der ehrenamtlichen Helfer und frage mich andererseits, ob es eine Stadt nicht hinkriegen kann, drei alte Busse zum Aufwärmen zu stellen. Warum muss das privat organisiert werden?

Ich sehe die vielen jungen Männer, deren Hoffnung auf ein besseres Leben bereits in den ersten Tagen in Deutschland zu wackeln beginnt.

Ich sehe die kulturellen Unterschiede, die es den Männern schwer machen, mich als weibliche Helferin zu respektieren.

Ich wundere mich, dass in dieser Nacht zwei leere Wärmezelte da sind, die Flüchtlinge aber zu einem großen Teil im Regen stehen müssen.

Ich bemerke meine Hilflosigkeit im Angesicht dieses Elends.

Ich frage mich, welche der Geflüchteten hier in Berlin eine Zukunft haben werden, die über den Bezug von Sozialleistungen hinausgeht.

Lockeres Multikulti ist das nicht mehr. Wir werden uns einigen Herausforderung stellen müssen, die damit zu tun haben, wie wir uns mit unseren so unterschiedlichen Kulturen verständigen und lernen zusammen zu leben.

 

Wer in Berlin helfen möchte: die Stiftung Gute Tat schickt auf Anfrage die Adressen der Helferorganisationen per Mail zu. Einmal in der Datenbank kann man sich per Mausklick zu Diensten an den verschiedensten Stellen eintragen.

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2 Gedanken zu “Nachts vor dem Lageso

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