6 Fragen, die mir oft gestellt werden

Wie hat sich deine Krankheit erstmals bemerkbar gemacht?

Ich hatte bei einem Orchesterkonzert plötzlich merkwürdige Ängste. Ich sah aus dem Augenwinkel die Gesichter des Publikums und fühlte mich über das gewohnte Maß hinaus besonders beobachtet.

Monate später meinte ich, nachts eine Frauenstimme um Hilfe rufen zu hören. Auch hier war die Situation mit starken Ängsten verbunden.

Kurz vor meinem ersten Krankenhausaufenthalt hatte die Situation sich so zugespitzt, dass ich (aufgrund der Stimmen die ich wahrnahm) meinte, mich selbst verletzen zu müssen. Ich lag mit einem Brotmesser in der Hand auf meinem Sofa und versuchte den Mut aufzubringen mich tödlich zu verletzen. Ich aß nicht mehr und hatte jeden Kontakt zu meinen Freunden abgebrochen

Wie ist es in einer geschlossenen psychiatrischen Station?

1994 war es ziemlich unangenehm. Die Tage zogen sich endlos hin weil es nur wenige Gesprächs- und Therapieangebote gab.
Ich saß viel auf dem Flur herum, rauchte und hörte „meinen Stimmen“ zu.

Anfangs waren mir auch die Eindrücke zu viel. Es war wie in einem schlechten Film: Frauen urinierten auf den Boden, manche tobten und wurden am Bett fixiert. Krankenschwestern schrieben mir vor, wann ich die Toilette benutzen oder mich auf meinem Bett hinlegen durfte.

Ich lernte aber später auch eine geschlossene Station kennen die liebevoll eingerichtet, hell und ruhig war. Dort konnte ich auf dem Klinikbauernhof (!) helfen die Kühe zu versorgen, unternahm in Begleitung von Schwestern lange Wanderungen, durfte Malen und Musik machen.

Musstest du Psychopharmaka einnehmen?

Oh ja. Zuerst war ich vollgepumpt bis zum Anschlag! Mittel gegen die Psychose, Beruhigungsmittel, Schlafmittel… ich war prima versorgt.
Nach der Akutphase nahm ich 20 Jahre lang eine mittlere Dosis, mit der ich in der Lage war klar zu denken und zu arbeiten.
Aktuell bin ich seit 2 Jahren dabei, meine Medikamente graduell abzusetzen. Ich nehme mir viel Zeit dazu. Mein Körper muss sich ganz langsam an die Umstellung gewöhnen. Ich denke, im Herbst 2016 werde ich erstmalig wieder ohne Medikamente leben.

Wie haben deine Freunde auf deine Diagnose reagiert?

Ich bekam unglaublich viel Besuch. Alle Freunde meldeten sich und versuchten mich aufzumuntern. Leider konnte ich in meiner Psychose nicht gut mit ihnen sprechen. Ich hatte das Gefühl, mich nicht in ihrer Realität zu befinden. Trotzdem war es schön nicht allein zu sein.

Einige Freunde habe ich durch die Krankheit verloren. Es muss schwer gewesen sein, mich so verzweifelt zu sehen.

Die Ereignisse haben mich sehr verändert. Heute bin ich völlig anders  als vor dem Ausbruch der Krankheit und das zeigt sich auch in meinen heutigen Freundschaften.
Und wie gehts dir jetzt, musst du immer wieder ins Krankenhaus?

Nein. Ich hatte das Glück, einer aussergewöhnlich kompetenten und engagierten Psychologin zu begegnen. Nach 14 Jahren sehr intensiver Arbeit mit ihr habe ich viele der auslösenden Faktoren verarbeiten können.

Meine Krisen traten über die Jahre hin immer weniger dramatisch auf. Zuerst brauchte ich sehr viel Hilfe und einen geschützten Rahmen. Inzwischen ist das schlimmste was mir passieren kann, dass ich einige schwarze Tage erlebe, an denen ich mich zurückziehe und beispielsweise etwas schönes für mich koche oder mit dem Hund wandere.
Das ich jetzt vor meinen inneren Abgründen keine Angst mehr haben muss, bedeutet eine große Freiheit für mich.

Was würdest du dir selbst als 27jähriger Betroffenen, die gerade die Diagnose Schizophrenie bekommen hat, sagen?

Ich würde sagen: Keine Panik. Schön ist anders, aber dein Leben ist nicht vorbei. Hör auf dich selbst zu hassen. Und lass dir von keinem sagen dass du jetzt deine Träume nicht mehr verwirklichen kannst.

Rede mit jemanden darüber. Such dir ein gutes Team von professionellen Helfern.

Du bist nicht kaputt und dein Leben ist immer wertvoll, egal in welchem Gesundheitszustand du dich befindest.

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